Veredelungspraktiken an Obstbäumen:
Beispiel - Apfelbaumveredelung
von Hermann Stolberg
WESHALB VEREDELN?
Keine sortenreine Vermehrung durch Aussaat möglich
Apfelsorten lassen sich nicht sortenrein durch Aussaat vermehren. Die geschlechtliche oder auch generative Vermehrung ist deshalb kein geeignetes Verfahren für den Apfelsortenerhalt. Das gilt allgemein für beinah alle unsere Obstsorten. Einzig bei einigen Pflaumen-, Pfirsich- und Erdbeersorten ist die geschlechtliche Vermehrung möglich.
© Konau 11 Natur e. V.
Die Annahme, dass zum Beispiel aus den Apfelkernen der historischen Apfelsorte „Berlepsch“ nach der Aussaat wieder junge Berlepsch-Bäumchen heranwachsen, ist deshalb nicht richtig. Doch hält sich diese Annahme hartnäckig, wie wir aus den vielen Seminaren und Workshops zu diesem Thema immer wieder erfahren.
Es ist vielmehr so – bleiben wir bei unserem gewählten Beispiel – dass wir nach der Aussaat von Kernen der Sorte Berlepsch Sämlinge erhalten, die beim Heranwachsen, insbesondere im Ertragsalter, dann unterschiedliche Spielarten/Varietäten aufweisen. Das Ergebnis ist ein buntes Durcheinander nicht definierter Formen mit zufälligen Eigenschaften bezüglich Habitus, Fruchtform, Geschmack, Größe, Aussehen u. v. a.! Möglich, dass die ein oder andere Form der Früchte dieser Bäume uns noch mehr oder minder entfernt an den Berlepsch erinnern. Die Sortenreinheit und die damit verbundenen sortentypischen Eigenschaften, die wir schätzen und infolgedessen auch von dieser Sorte nach jeder Neuanpflanzung erwarten, sind definitiv dahin.
Unsere Obstsorten sind überwiegend, beim Apfel nahezu zu 100 Prozent, selbstunfruchtbar. Die Blüten sind auf Fremdbestäubung anderer Sorten angewiesen. Nur die Übertragung durch nicht-eigene Erbinformation – aus nicht-eigenem Pollen einer anderen Apfelsorte auf die Blütennarbe unserer Berlepsch-Apfelblüte – sorgt dafür, dass sich der Samen im Fruchtknoten entwickeln kann. Das ist nun wiederum der Grund dafür, dass nach der Befruchtung der Berlepsch-Apfelblüte die Samenanlagen (die Kerne), die sich im Kernhaus befinden, ein kunterbuntes Durcheinander enthalten. Also ein „Mix“ aus männlichen und weiblichen Erbinformationen aus einer Vielzahl vorausgegangener Vegetationsperioden.
Das Ergebnis wäre der oben skizzierte Sortenverlust, der entsteht, wenn wir nun diese Kerne eines Berlepsch-Apfels zum Keimen bringen und die Nachkömmlinge gar in die Ertragsphase überführen.
Apfelsorte sind selbstunfruchtbar - d.h. die
Unmöglichkeit der Bestäubung mit eigenem Pollen
und die daraus resultierende zwingende
Fremdbestäubung durch Insektentransport!
In diesem Zusammenhang sei angemerkt, dass auch die unterschiedlichen Wild- und Zierapfelformen, auch beispielsweise der Malus sylvestris, überwiegend hervorragende Befruchter unserer Kultur-Apfelsorten sind!
Wichtig ist nur, dass der Pollen zur erfolgreichen Befruchtung einer bestimmten Apfelsorte nicht von einer triploiden Apfelsorte stammen darf, da der Pollen triploider Apfelsorten keine erfolgreiche Befruchtung anderer Sorten garantiert. Außerdem bestäuben die Pollen von bestimmten Apfelsorten eine Apfelsorte besser und eine andere weniger gut. Doch darauf soll hier nicht weiter eingegangen werden. Mehr zu dem Thema ist bei der BUND-Ortsgruppe Lemgo zu finden. Dort sind beispielsweise „Befruchtertabellen“ zu finden, aus denen entnommen werden kann, welche Apfel-Befruchtersorte besonders gut andere Apfelsorten befruchtet.
Sortenreine Vermehrung durch vegetative Vermehrung
Wenn der Sortenerhalt durch generative (also geschlechtliche) Vermehrung nicht möglich ist, weil so keine sortenreinen Nachkömmlinge kultiviert werden können, müssen wir uns „gärtnerisch“ anderer Praktiken bedienen, um eine Sorte zu erhalten oder zu vermehren. Wir sind dann auf die vegetative Vermehrung angewiesen. Dabei kommt uns die Tatsache zugute, dass sich Pflanzen identisch aus Gewebeteilen reproduzieren lassen. 
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Mit dem Handwerkszeug, das sich hinter den Praktiken der vegetativen Vermehrung verbirgt, werden wir grundsätzlich in die Lage versetzt, bestehende Sorten auch in der Zukunft weiter kultivieren zu können.
Durch das Erlernen und Anwenden dieser Vermehrungsmethoden können wir einen wertvollen Beitrag dazu leisten, historisches Genmaterial und Genressourcen der alten Sorten für die Zukunft zu sichern.
Die durch diese Technik entstehenden identischen Nachkommen nennt man auch Klone, denn die Erbanlagen verändern sich nicht.
Schematische Darstellung der vegetaiven Vermehrungsformen
Typische pflanzlich-vegetative Vermehrungsformen können wir, der Übersicht halber, in zwei Gruppen einteilen.
Gruppe 1 der vegetativen Vermehrung:
An Sprossteilen oder an Wurzeln, auch Rhizome, Bulben, Knollen u. v. a. m. bilden sich (leicht) Wurzeln! Diese Form der vegetativen Vermehrung ist sicher die gängigste und einfachste Form des Pflanzenerhalts, relativ einfach umzusetzen und sehr populär.
Beispiele:
- Risslinge / Stecklinge /Steckhölzer bewurzeln lassen: Buchsbaum, Weiden
- Absenker: Brombeeren, Rhododendren
- Wurzelausläufer: Kirschpflaumen
- Wurzelballenteilung/Stockteilung: mehrjährige Staudenpflanzen
- Wurzel-Sprossaugenbildung und Ruten-Austrieb: Himbeeren
- Abmoosen: Feige
- Bulbenbildung: Lilium bulbiferum agg., die achselbulbentragende Feuerlilie
- Knollenbildung: Dahlia agg.; Kartoffeln
- viele weitere
Gruppe 2 der vegetativen Vermehrung:
Augen- und/oder Reiserveredelung bei Pflanzen, wo die Vermehrungstypen der Gruppe 1 nicht oder nur unbefriedigend erfolgen.
Beispiel:
- Nach diesem Prinzip vermehren wir überwiegend unsere Obstbäume, Apfelsorten annähernd zu 100%.
Vegetative Vermehrung der Obstgehölze durch Augen- oder Reiservermehrung
Dem Vermehrungstyp der Gruppe 2 ist eigen, dass hier mindestens zwei Teile von zwei Pflanzentypen kombiniert und verschmolzen werden, nämlich die sogenannte Unterlage und das zur Veredelung kommende Pflanzengut.
Die „Unterlage“ ist der Teil mit der Wurzel. Diese Unterlage (Teil 1) wird mit einem anderen Pflanzenteil mit den gewünschten Eigenschaften, zum Beispiel einem Berlepsch-Apfel-Edelreis (Teil 2) oder einem Berlepsch-Apfel-Edelauge (Teil 2), verbunden.


Veredelung Napoleonapfel © Hermann Stolberg
Die Namensgebung „Edelreis“ oder „Edelauge“ sind gängige Begriffe und umschreiben unsere Erwartungshaltung, dass durch das Aufsetzen des Edelreises oder des Edelauges auf die Unterlage etwas „Edleres“ entsteht. Edler kann sich beispielsweise auf die Aspekte Geschmack, Haltbarkeit, Fruchtform, Lagerfähigkeit, Widerstandsfähigkeit gegenüber Umwelteinwirkungen und -veränderungen, oder schlichtweg nur dem Vermarktungswert des Endproduktes, der erntereif ausgebildeten „Frucht“ beziehen.
Die Verschmelzung beider Pflanzenteile gelingt, wenn möglichst viel „Kambiumfläche“ von Unterlage und Pflanzengut (Edelreis oder Edelauge) sich berühren. Wie wir diese Verschmelzung beider Pflanzenteile umsetzen können, ist dann unserem handwerklichen Geschick geschuldet. Wir nennen diese Arbeiten dann gerne „Veredeln“ und verwenden diesen Begriff auch fortan.

Wichtig ist, dass nur die Kambiumschichten der Gewebeteile miteinander verschmelzen bzw. sich adoptieren.
Die beiden Pflanzenteile, die zur Veredlung genutzt werden, sind meistens von identischer Art.
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"Identischer Art" bedeutet, dass bei der vegetativen Vermehrung unserer Äpfel die Unterlage und das Pflanzengut zur Veredelung artidentisch sind. Beispiel: Ein „bestimmter“ Apfeltyp als Wurzelunterlage, z. B. M7 oder Bittenfelder Sämling, wird mit einem Apfel-Edelreis oder Apfel-Edelauge der gewünschten zu veredelten Apfelsorte kombiniert.
Es können aber auch Pflanzenteile einer ähnlichen Art miteinander verschmolzen werden, allerdings sollte dann zumindest eine Artverwandtschaft vorliegen. Beispiel: Quitte (Cydonia A) als Wurzelunterlage, Birne als veredelndes Pflanzengut.
Wir vermehren unsere Obstgehölze, bis auf
Ausnahmen, nach Methoden der vegetativen
Vermehrung durch Edel-Augen- und/oder
Edel-Reiservermehrung auf Wurzel-Unterlagen.
VEREDELUNGSPRAKTIKEN
Hinter den Methoden der Vermehrung unserer Obstgehölze durch Augen- und/oder Reiservermehrung verbirgt sich ein ganzes Spektrum an gärtnerischem Wissen und handwerklichem Geschick. Reiservermehrung wurde bei Obstgehölzen schon nachweislich mindestens 1400 Jahren vor unserer Zeitrechnung praktiziert (Anm.: „… nachgewiesen ist hier die Methode des sogenannten Spaltpfropfens“). Das Handwerk der Veredelung steht daher in einer langen Tradition, wurde von Generation von Generation weitergegeben und gehörte zur weitverbreiteten gärtnerischen Praxis.
Wir beobachten heute ganz allgemein, dass der Generationstransfer über das Wissen und Können der Obstbaum-Veredelungstechniken aktuell nicht mehr sichergestellt ist. Das Neu-Erlernen dieses Wissens unter dem Credo des Sortenerhalts sowie unter dem Aspekt der Sicherung des genetischen Materials der Uraltsorten in einer sich immer schneller wandelnden Umwelt ist deshalb auch ein Kernanliegen unseres Streuobstwiesen-Bündnisses Niedersachsen e.V.



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Praxistipp: Gerne verweisen wir an dieser Stelle auf den bewährten Veredelungsleitfaden der Firma Schacht (Mitglied im Streuobstwiesen-Bündnis-Niedersachsen e.V.) aus Braunschweig, der in Zusammenarbeit mit dem Pomologen-Verein e.V. entwickelt wurde.

AUSBLICK
Zwischen diesen beiden wichtigsten Veredelungsmethoden, Okulation (Stichwort: Edelauge plus Unterlage) und Kopulation (Stichwort: Edelreis plus Unterlage), spannt sich ein ganzes Spektrum von Spezialformen an Veredelungspraktiken auf. Dazu zählen die Chipveredelung, Geißfußveredelung, Pfropfen hinter die Rinde u. v. a. m., die dann den fortgeschrittenen Interessierten auch souverän durchzuführen möglich ist, wenn sich die Grundkenntisse der Okulation und Kopulation handwerklich gefestigt haben.
Das Streuobstwiesen-Bündnis Niedersachsen e.V. bietet regelmäßig Veredelungsworkshops und -Seminare an, bei denen die Interessierten die handwerklichen Schritte der verschiedenen Veredlungstechniken erlernen können. Termine können im Veranstaltungkalender eingesehen werden.